Papa Bernd und seine Erlebnisse mit seinem Sohnemann
Schnitzeljagd
Unser Mitglied, Vereinssekretär und Traudl-Projektleiter Bernd hatte sich im Oktober 2006 eine tolle Überraschung für seinen 6-jährigen Sohnemann ausgedacht und unheimliche Mühe mit der Vorbereitung und Ausarbeitung gemacht. So durfte sich der kleine Filius nachträglich zu seinem sechsten Geburtstag im Juli auf eine besondere Art einer “Schnitzeljagd“ begeben.
Der Junge ist, wie sein Papa, ein großer Traktorfan, der sich stundenlang mit seinem Papa Traktorvideos und Traktorzeitungen anschauen kann und bereits einige Traktoroldtimerveranstaltungen besucht hatte.
Bei der Schnitzeljagd mußten vom Filius mehrere versteckte Kuverts gefunden werden und die darin befindlichen Fragen von ihm richtig beantwortet werden. Selbstredend meisterte er die meist technischen Fragen.
Die letzte Antwort brachte ihm schließlich den “großen Hauptgewinn“ ein: Unendlich viele Freifahrten mit unserer Traudl ! Leuchtende Augen waren vorprogrammiert und das schüchterne Hinaufkraxeln des Kleinen auf unseren Traktor waren herzerweichende Szenen eines Kinderglücks, das kaum beschrieben werden kann.
Unsere knatternde Traudl hat den Bub bei der anschließenden Fahrt auf dem Gelände so sehr gepackt, daß er bei einem kurzen Halt um ihn zu fragen, ob weitergefahren werden soll, stattdessen nur die kleinen feuchten und rostverschmierten Hände hervorstreckte.
“Gell du bist aufgeregt“, fragte sein Vater mit einer Träne im Auge. “Ja, Papa.“
O-Ton vom Filius im Oktober und November 2006
“Wieso hat der Herr Redling ( Rigling ) geschimpft ? Die Traudl gehört uns. Wir bestimmen über sie, wir machen sie gelb !“
Dazu muß man wissen, daß unsere Vereinskameraden von den FAHR-Schlepperfreunden, allen voran Herr Rigling nicht gerade begeistert waren, als wir anläßlich unseres Besuches in Gottmadingen erzählten, daß wir unsere Traudl in Neongelb statt dem obligatorischen FAHR-Rot lackieren wollen.
(… putzt die Rückleuchten) “Jaaaah, wir fahren nach Gottmadingen, da freu’ ich mich schon drauf !“
(… singt die Melodie von “Glory glory halleluja“) “Ja, wir fahren heute Traudl. Ja, wir fahren heute Traudl…“
“Nix gibt’s besseres als Traktor fahrn.“
Sparaktivitäten für einen eigenen Traktor
Meine Erzählung, dass viele Bauernkinder bereits im frühen Alter mit Traktoren und anderen Landmaschinen fahren, hat meinen Sohnemann dazu veranlasst irgendwann einen eigenen Traktor haben zu wollen.
Es hat sich eine heftige Lawine in Gang gesetzt und eine höchst eigenwillige Weihnachtsaktivität hervorgebracht, die schließlich im Umfeld dazu führte, dass die ganze Familie mobil gemacht wurde, man möge ihm Geld spenden, von dem er letztlich möglichst bald einen eigenen Traktor kaufen will !
Da gab’s große Krokodilstränen, als ihm klargemacht werden musste, dass so etwas nicht von heute auf morgen zu realisieren ist. Aber ein kleines Weihnachtsgeschenk vom Papa in Form einer hölzernen Spardose mit aufgeklebten Traktorenbildchen hat ihn zuversichtlich gestimmt das große Ziel zu erreichen, auch wenn’s noch ein paar Jährchen dauern wird…
Die sofort heißgeliebte Spardose geht seitdem nicht mehr aus seinen Händen !
Aus einer Bettlok wird alsbald ein Betttraktor
Als große Technikfans sind Papa und Sohn gleichermaßen auch Lokomotiven ans Herz gewachsen. Inspiriert von etlichen Museumsfesten wurde neulich das Kinderbett flugs zur Dampflok umgebaut: Die Zudecke eingerollt wird zum Dampfkessel, ein kleines Kissen drauf ergibt den Schornstein und mit den restlichen Utensilien werden Führerhaus und Tender kreiert.
Damit aber nicht genug ! Vom neu entfachten Treckerfieber gepackt wird aus der Lok im Handumdrehen ein Traktor: Aus dem Dampfkessel wird der Dieselmotor samt Haube, aus den Kissen werden die Räder gezaubert. Diese Verwandlungskunst gipfelt letztlich in den selbstgemachten Weihnachtsplätzchen, eigenhändig vom Filius technisch verfeinert !
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Marius` Begeisterung für unsere Traudl zeigt sich auch in seiner Motivwahl beim Weihnachtsplätzchen backen. Man beachte die mittels Perlen liebevoll nachempfundenen Radmuttern am roten Traktor rechts unten. |
Danach wird eine Strecke ausgemacht wo’s hingehen soll. Nun wird der Tank mit Diesel gefüllt und es kann losgehen. Gestartet wird vom Copiloten, der seitlich auf dem großen Kissen bzw. Kotflügel sitzt. Dazu muss nur der Zündschlüssel links und der Druckschalter für zum Starten rechts am Armaturenbrett betätigt werden – fertig !
Ohne den obligatorischen Sound eines Diesels geht nichts, den muss selbstredend der Papa imitieren. Dazu muss gesagt werden, dass der Copilot ein Hund ist, der während der Fahrt bellt !
Fachgespräche der vereinigten Traktorfreunde Darmstadt / Butzbach" im Januar 2007:
Es wird wieder mal Traktor-Video geguckt, und auch viel gefachsimpelt. Neu ist dabei für den kleinen Ingenieur in spe, dass sich Reifenprofile durch Abnutzung deutlich verschlechtern. Fürs Abendessen müssen die DVDs kurz pausieren.
Wie fürsorglich der kleine Nachwuchstreckerfahrer mit seiner heißgeliebten Traudl umgeht beweist später folgender Kommentar: “ Du, Papa, wir sollten jetzt weniger mit der Traudl fahren.“ “Wieso“, fragt sein Vater erstaunt. “Weil doch durchs viele Rumfahren die Reifen so abgenutzt werden“, antwortet der Filius vorausschauend. Aber sein Papa beruhigt ihn, daß das doch lange dauert und sie trotzdem seeeeehr oft fahren dürfen... Erleichtert legt der Kleine den Arm seines Vaters um sich. DVD kann weiterlaufen, Gottmadingen wartet !
Neuester Spruch:
“Autos sind für Männer UND Frauen. Traktoren sind Jungensache !“ ( Während Szenen aus den 50er-Jahren mit traktorfahrenden Frauen vom Fahr-Video laufen...)
Geschenke:
Die Traktormanie lässt sich kaum bändigen. Marius ist nun schon länger auf dem “Geschenketripp“ und die Präsente werden immer ausgefallener. Die Weihnachtsplätzchen in Form von Dampfloks und Traktoren bilden nur den Anfang von Überraschungspaketen.
Neben selbstgemalten Bildern werden jetzt auch verschiedene Artikel aus der eigenen Spielzeugkiste an den Papa überreicht, u. a. ein Fahrzeug von Claas mit Schaufel und ein Deutz-Fahr-Traktor mit Schaufel.
Krönung der Schenkkunst ist neuerdings ein echtes Hufeisen mit der Aufschrift: “Fahr D 180 H Traudl“ und eine kleine selbstgemachte Tontafel mit einem Fahr D 177 S abgebildet, die dem 2. Vorsitzenden der Fahr-Schlepperfreunde, Herrn Rigling, beim ersten Besuch von Marius in Gottmadingen dieses Jahr übergeben werden soll !
Bloß kein PC-Absturz !
Die Besuche vom Papa werden inzwischen zum berauschenden Kult. Alles dreht sich um Traktoren: der beliebte “Betttraktor“ im Kinderzimmer, haufenweise Literatur allüberall und seit Weihnachten 2006 ein Traktor-Lexikon auf CD-ROM. Spielen im Freien ist out, stattdessen herrscht Traktormanie total !
Die obligatorische Videosession geht in die nächste Runde. Bevor der Papa geht muss zum grandiosen Abgang eine DVD eingelegt werden. Zur Auswahl stehen: Fahr, Kornmähen in Norddeutschland und ein aktueller John-Deere-Werbefilm.
Selbstredend kommt Fahr zum Zug, denn wir sind ja auch Mitglied bei den Fahr-Schlepperfreunden mit unserer Traudl. Wir schauen nun womöglich schon zum zehnten Mal Herrn Flügel bei den Vorbereitungen seines Fahr T 22 zu. Sogenannte Zündplättchen müssen bei diesem Modell aus Kriegstagen in den Dieselmotor eingebracht werden um ihn starten zu können. Dann springt das Video um schließlich irgendwo mittendrin ganz stehen zu bleiben. Und der Papa muss in einer Viertelstunde zum Zug. Der PC will nicht so recht, die ersten großen Tränen rollen übers Bubengesicht und nur ein geduldiger Neustart des Rechners rettet die letzten gemeinsamen Minuten mit dem Papa für diesen Abend. Gelobt sei der Gott aller Traktoren !
Er will Bauer werden…
Vorlesen ist auch immer angesagt bei meinem Sohn. Geduldig werden dabei Bilder angeschaut und dabei ständig viel nachgefragt. Feuerwehr, Polizei und Bauernhof sind heute angesagt. Alsbald stellt sich nun heraus, dass da große Gefahrenpotenziale in den Berufen herrschen. Und auf meine Frage, ob er nun lieber Feuerwehrmann oder Polizist werden will, bekomm’ ich zur Antwort: “Keines von beiden. Das ist alles viel zu gefährlich. Ich werde Bauer !“
… da muss ein Traktor her !
Bauer, Tiere, Bauernhof, Themenwechsel: Na klar, Traktor ! Laptop anschließen, hochfahren, Traktor-Lexikon rein und stöbern was das Zeug hält: Fahr, Landini, John Deere, usw., usf.
Es müssen bewegte Bilder her. CD-ROM raus, DVD rein. “Kornmähen“ schlägt der Papa vor, da gibt’s viele verschiedene Traktormarken zu bewundern. Und im Handumdrehen wird ein Ratespiel erfunden: Für jeden erkannten Traktor gibt’s vom Papa fünf Cent ins Traktor-Sparschwein.
Papa führt Strichliste und natürlich werden nahezu alle Marken erkannt: 121 Traktoren ! Macht sechs Euro und fünf Cent für den ersehnten eigenen Traktor. Finanzminister Mama nimmt die fällige Summe kopfschüttelnd und schmunzelnd entgegen.
Vier Euro, 75 Cent und der Sonderzug
Mittagessen liegt hinter uns, ab geht’s zum Mittagsschläfchen. Kuscheln ? Nix gibt’s, von wegen Schläfchen, heute wird nach Gottmadingen gefahren - mit dem Betttraktor !
Nein, das ist zu weit, wir nehmen die Bettlok, die ist schneller! Aber die Traudl kommt mit auf einem Güterwaggon… und Endziel ist Raithaslach zum großen Vorbild, Herrn Rigling, im Sonderzug von Butzbach in den Hegau.
Papa ist Lokführer, Geräuschemacher und Bahnhofssprecher in einem: Es geht von Butzbach über Frankfurt, Darmstadt, Mannheim, Karlsruhe, Singen und Gottmadingen bis Raithaslach. So wird’s vom Vater festgelegt.
Alles inklusive: Klangimitationen (“Papa, wir fahren Dampflok !“), Ansagen für Haltestelle, An- und Abfahrtszeit, Gleis und Mittagspause im Hauptbahnhof Karlsruhe, denn dem Knaben drückt die Blase, vielleicht auch vor Aufregung…
“Weiter geht’s, Papa, “wir wollen ja mit der Traudl zum Herrn Redling“. Also hurtig zur Weiterfahrt durch Baden: “Sonderzug von Butzbach nach Gottmadingen über Karlsruhe Hauptbahnhof, Abfahrt dreizehn Uhr fünfzehn, Gleis zwei, Vorsicht bei der Abfahrt !“
Die Zeit drängt, Herr Rigling wartet und Papa muss in einer halben Stunde gehen. Singen, Gottmadingen im Zeitraffer, Programmwechsel: “Papa, schnell noch “Kornmähen“!“
Laptop an, hochfahren, DVD rein, Oldtimer-Traktoren anklicken und ab geht das neuerliche Ratespiel. FÜNFUNDNEUNZIG Traktoren, das macht vier Euro und fünfundsiebzig Cent ! “Du machst den Papa pleite“, bekommt der Pimpf zu hören.
Den fälligen Obolus nicht parat, verspricht der Vater bei sich zu Hause ebenfalls ein Traktorensparschwein für den Nachwuchsfahrer bereitzuhalten. Es ist ja für einen nur allzu guten Zweck…
Pleite !
Sonntagnachmittag, Sonne über der Wetterau, Zeit zum Toben im Freien. Denkste! Der türkische Nachbarjunge soll mit uns Traktorvideo gucken. “Dass der mal was lernt, der versteht sowieso nix davon“, bekommt der Papa zu hören.
Der Knabe liegt aber mit Fieber im Bett, also wird sich’s wieder zu zweit gemütlich gemacht. Die Mama versucht vergeblich, dass doch lieber ins Freie gegangen werden soll und verzieht sich naserümpfend in die Küche.
Laptop an und das übliche Prozedere. Augsburger Puppenkiste zuerst. Und sofort müssen Trecker her. “Kornmähen, Fahr oder John Deere? Was anderes haben wir nicht! Dummerweise habe ich kürzlich die Ersteigerung eines IHC-Videos verpasst, das hätt’ nur zehn Euro gekost’!“ “Mann, Papa!“
IHC ist ein amerikanischer Traktorhersteller, der nach dem Krieg zum Großproduzenten in Neuss am Rhein aufstieg. Eine DVD von dieser Schlepperlegende wär’s natürlich gewesen, da IHC-Maschinen in letzter Zeit in zahlreichen Varianten vom Filius bevorzugt gemalt werden.
“Kornmähen, Papa !!!“ “Du Schlawiner, willst dem Papa wieder das Geld aus der Tasche ziehen !?“ “Joh“, schallt es dem Vater ins Ohr. Diesmal wird ein Cent pro erratenem Traktor vom Papa festgelegt: “Sonst bin ich endgültig pleite !“
DVD rein und los. Diesmal will der Kleine auch Szenen von landwirtschaftlichen Darbietungen anschauen: Stationärmotoren bei der Arbeit und ein kleiner 20-PS-Lanz beim Kornmähen. Hauptsache es rauscht, zischt, dieselt und tuckert…
Die Augen funkeln, die Lauscher werden immer länger. “Der klingt halt, Papa.“ Der widerspricht nicht und dann kommt auch gleich die große Parade der vorgeführten Schlepper, meist in allerbester Pracht: Alles was Rang und Namen hat aus nahezu allen Epochen des Schlepperbaus bis in die Siebziger. Wir kriegen nicht genug davon.
Ein einziges Klanggewirr aus den verschiedensten Dieselaggregaten und aus dem Hintergrund dröhnt dumpf ein gigantischer Einzylinder und kommt lauter und näher: “Gibt’s auch rote Lanz, Papa ???“ “Nicht so oft“, kommt als Antwort. “Warum haben die so viele Deutz, Papa ?“ “Ist wohl in Norddeutschland sehr beliebt, mein Bub’.“
Hunderteinunddreißig Traktoren sind’s für heute, Fahr-Video zum Abschluss ? Rein damit. Aber der Rechner ist wohl zu heißgelaufen und streikt. Mehrfache Startversuche verpuffen wirkungslos. Krokodilstränen. “Ihr habt eh genug geguckt, heute“, ergänzt die Mutter missmutig. Die hat keine Ahnung von Traktoren…
Traktormalen rettet den Rest vom väterlichen Besuch und die kleinen Kunstwerke sollen nach Darmstadt in die immer praller werdende Sammelmappe von Papa.
Die ein Euro und einunddreißig werden dort großzügig aufgerundet. Für den guten Zweck wie jeder weiß…
Die Doppelrunde
Letztes Wochenende war mal wieder Sonnenschein über Oberhessen. Und wieder keine Lust aufs Freie. “Schifffahren ?“ flüstert Papa dem Kleinen ins Ohr. “Oooh, jaaa !“ Keine großen Überredungskünste und los geht’s nach Frankfurt. Mama muss obligatorisch mitkommen, so ist’s der Junge gewohnt. “Heut’ macht ihr beide Männertag, fahrt ihr allein“ schlägt sie vor. Kurzerhand fährt sie dann doch in die Stadt mit und will bummeln gehen.
Kindertagesticket am Bahnhof, damit sind wir variabler. Die aktuellen Traktorzeitungen im Zug ausgepackt und schmökern auf Teufel komm’ raus. “Hinter Friedberg müssen wir wieder aufpassen, da stehen die zwei Traktoren in dem einen Garten, du weißt“, erinnert der Vater seinen Sohn.
Halt in Bad Nauheim, dann Friedberg und vor lauter Treckerzeitschrift blättern passiert’s: “Neeeiiin, ich glaube wir sind dran vorbei“, vermeldet der Papa. Große Enttäuschung beim Sohn.
Frankfurt Hauptbahnhof, erst mal Pizzastückchen. Mit Thunfisch, wie immer. Papa flüstert ihm ins Ohr: “Oder lieber Ebbelwoi-Express ?“ Ein brüllendes Jaaah ! Keine Schifffahrt, die Mutter guckt verdutzt.
Zum Haupteingang hinaus hinüber zur Straßenbahn. Wir beide warten auf den roten Oldtimerzug, die Mama verschwindet in das samstägliche Gewusel.
Bald schon kommt das erhoffte Gefährt quietschend um die Kurve. Prallvoll, kein Platz für uns, trauriges Kindergesicht. Aber an der gegenüberliegenden Haltestelle kommt in paar Minuten ebenfalls eine Bahn in die andere Richtung.
“Papa, da !“ Der schnappt sich die feuchten Kinderhände und rein ins Paradies. Im Anhänger ist Platz für uns. Zunächst nur auf der Heckablage, später werden Plätze frei. Zu den Fahrkarten gibt’s obligatorisch Apfelsaft und kleine Bretzeln für jeden.
Ab zum Papa auf den Schoß und Traktorzeitung lesen: Ein Bericht über MB-Trac und einer über den einzigen Treckerhersteller aus Dänemark namens Bukh. “Der hat einen Schiffsdiesel mit drei Zylindern !“ verrät Papa. “Der ist auf unserem Video “Die beliebtesten Trecker Norddeutschlands, Papa.“ Der Film ist Kult, garantiert !
Kleinanzeigen durchforsten und diverse DVDs und Bücher bestaunen, die angeboten werden. “Wir wollen die alle“, ist sich Marius sicher. Jedoch der Beitrag über einen dreizehnjährigen Jungen aus dem Saarland, der mit seinem Vater die Reste eines Fendt Dieselross’ fünf Jahre lang zusammengeflickt hat, erweckt allergrößtes Interesse beim Sohnemann. Daaaaas Thema: Ein eigener Traktor… “Der hat haargenau die gleiche Maschine wie unsere Traudl, Marius: MWM AKD 112 Z, 24 PS, achtzehnhundert Kubik, luftgekühlt. Ahhhh“, stöhnt der Papa.
Wir haben genug Zeit, weit mehr als eine Stunde noch. “Das reicht noch für eine weitere Runde, wollen wir ?“, fragt Papa. Na klar wollen wir…
Frau Rauscher und Herr Ferguson
Wieder Wochenendsonne, was bringt der Tag? “Diesmal fahren wir Schiff“, meint der Vater. Schnell überzeugt werden alle nötigen Utensilien gepackt. Echter Männertag, denn die Mama fährt das erste Mal nicht mit. Premiere!
Tageskarte am Bahnhof für den Kleinen und ab in den Süden Richtung Main. “Diesmal verpassen wir die beiden Traktoren nicht“, ist sich der Senior sicher. “Wir passen auf“, verspricht der Junior. Vorbei an Bad Nauheim, Friedberg, bald müssen wir sie sichten: “Da, der eine ist rot, nur von hinten zu sehen“, Papa. “Tja, und der zweite war kaum zu erkennen“, ergänzt der Vater. Wenig Aussagekräftiges für das Expertenduo. Den Rest der Fahrt bis Frankfurt wird in die mitgenommene Schlepperpost gelunzt: Preise vergleichen, Preise vergleichen, denn wir wollen auf dem Laufenden bleiben für den Zeitpunkt, wenn die Traktorsparwutz geschlachtet werden soll.
Frankfurt/Main Hauptbahnhof, hinüber zur Straßenbahnhaltestelle, natürlich mit Thunfischpizza auf der Kinderhand. “Wollen wir heute mal den Main hinauf fahren, Richtung OF, Ostfrankfurt“, fragt der Papa. Bisher sind wir immer Blickrichtung Rhein bergab geschippert. “Hmmm“, murmelt der kleine Nachwuchsstirnrunzler missmutig. Eine Vorahnung befällt uns alle: “Ebbelwoi-Express“, errät der Vater die Gedanken seines Sohnes. Jubel. Hin zum Abfahrtsplan, denn sonntags entfällt jede zweite Nostalgiefahrt im Winter. Eine knappe Stunde warten. Die Traktorzeitung verkürzt uns die Zeit vorzüglich.
Das Gefährt kommt mit Verspätung aus der Kurve, einsteigen, heut’ ist Platz für uns. Ab in Fahrtrichtung Messe mit gewohntem Ebbelwoi-Gedudel, Apfelsaft und trockenen Minibrezeln. Der Nachwuchstechniker braucht Futter für den Wissenshunger. Fahrer und Kartenverkäufer müssen die nächsten zwanzig Minuten alle Fragen des neugierigen Pimpfs beantworten.
Zurück an Papas Platz wird berichtet: “Meinen Geburtstag feiere ich im Ebbelwoi, Papa. Aber der hat gesagt, dass man die Bahn unter der Woche mieten muss“, berichtet der Kleine nachdenklich. “Da müssen wir jetzt doppelt sparen, Marius.“ Sendepause und im Hintergrund tönt’s: “Frau Rauscher vun de’ Klappergass’.“
Beim Fachsimpeln vergeht die Zeit im Nu, die Fahrt endet unerwartet schnell wieder am Ausgangspunkt. Schnell Mama eine SMS schicken, wann wir wieder von Frankfurt zurück sind. “Gut aufpassen vor Friedberg. Guck genau hin, vielleicht erkennen wir eine Traktormarke“, hofft der Senior. “Papa, sag’ mir genau wann.“
Irgendwo hinter Bad Vilbel wird der kleine Schnellblicker vom Vater wachgerüttelt: “Massey Ferguson, ich bin mir ganz sicher, Papa !“ “Und der andere“, fragt der Vater erwartungsvoll. “Hab’ nur einen gesehen, Papa.“
Angekommen in der Wetterau gibt der Papa Pizza aus. Und die Mama bekommt Zwiebelsuppe mit viel Dieselgespräch…
Der Ur-Apfel
Sonntag, Mittagessen beim Sohnemann. Seine Mama kocht immer lecker, ähnlich gut wie der Papa. Beim Nachtisch fällt dem Vater die Ausgewogenheit von Säure und Süße der gereichten Äpfel auf, was nicht immer von der Discounterware behauptet werden kann: “Die wären gut um Ebbelwoi draus zu machen“, mutmaßt der Vater. “Aber die schmecken anders als die, … … …, na, du weißt schon, Papa, oder?“
Raten Sie mal: GÜLDNER DELICIOUS !!!
Für die, die es nicht wissen: Güldner ist logischerweise eine bekannte Traktorenmarke. Und zur Belohnung für alle geht’s danach zum Frühjahrsmarkt, zum Riesenrad gucken und Baufahrzeuge bestaunen, denn im Frühsommer ist hier “Hessentag“. “Mit Ian Anderson, Ringsgwandl und Luftschmitt“, liest der Vater freudig am Plakat. “Luftschmitt???“ Marius lacht sich schief. “Ei, Aerosmith, Bub!“
Das hat ausnahmsweise nichts mit Traktoren zu tun…
Ein viel zu kurzer, langer, langer Samstagnachmittag
In den letzten Jahren hat mein Sohn mit mir unzählige Veranstaltungen rund um alte Maschinen besucht. Oldtimerfahrzeuge aller Art haben wir beide wie Schnüffeldrogen inhaliert. Nein, im Ernst: Wir sind gänzlich süchtig nach Benzin, Diesel und Dampf.Im vergangenen Jahr waren wir erstmalig auf einem Teilemarkt für Traktoren in Seeheim-Jugenheim südlich von Darmstadt. Trotz der Kälte ist die Veranstaltung recht gut frequentiert. Auf einem großen Schulgelände kann man drinnen und draußen nahezu alles für Traktoren und darüber hinaus bekommen.
Die damalige Sonderausstellung mit Fahrzeugen von John-Deere-Lanz hat uns beide total berauscht und das Konzert der vielen Einzylinder klingt jetzt noch in den Ohren. Seitdem ist Marius Fan von John Deere. Dazu muss gesagt werden, dass am Ende der absoluten Hochzeit des deutschen Nachkriegsschlepperbaus in den 50er-Jahren viele namhafte Hersteller von potenteren Firmen schlichtweg geschluckt wurden: So frisst Deutz den Hersteller unserer Traudl Fahr. John Deere lässt die Mitarbeiter der Heinrich Lanz AG in Mannheim im Glauben, dass auf längere Zeit die einzigartigen Einzylinder weitergebaut würden. Alsbald jedoch wird den Lanzern rasch die mehrzylindrige amerikanische Bauweise übergestülpt bis die Firma – ebenso wie Fahr – endgültig von der Bildfläche verschwindet.
Das sind die Regeln des Kapitalismus ! Es ist wohl nur eine Frage der Zeit bis wir beispielsweise die üble Ami-Bierbrause von Anheuser und Busch – perverserweise Budweiser genannt – überall in unserem Land in den Hals schütten sollen. Bürger, wehrt Euch!!!
Dieses Jahr gibt’s ein neues Spezialprogramm und wir beide sind heiß: Eicher Traktoren- und Landmaschinenwerke GmbH. Die haben u. a. eine legendäre Treckerbaureihe mit Raubtiernamen wie Panther, Puma, Tiger, Leopard und Mammut mit Motoren von einem bis sechs Zylindern. Herz, was willst du mehr ? Und diesmal will der Papa weitere Väter und Kinder mit dem Traktorvirus infizieren. Einladungen verschicken und hoffen, dass der prophezeite Wetterumschwung bis nach dem Treffen auf sich warten lässt.
Unsere Traudl kann auf den letzten Drücker repariert werden. Schrauberpapa Klaus springt kurzerhand ein und löst unser Getriebeproblem in stoischer Ruhe. Die positive Telefonnachricht an den Junior am selbigen Abend lösen Jubelarien sondersgleichen aus: “Ja, ich hab’s gewusst, die schaffen’s“, schreit er, vom Hörer weglaufend, staccatomäßig blärrt er “ja, ja, ja !“Der nächste Morgen bringt die befürchtete graue Suppe am Traktorenhimmel. Über eine Woche hatten wir Sonnenschein. Egal, das hält uns nicht ab ! Schals, Handschuhe und Sitzkisschen werden eingepackt. Schnell noch Traudl von den Schlammresten unserer Sylvesterausfahrt befreit und los geht’s zum Tanken und von dort auf die ca. dreiviertelstündige Reise durch Darmstadt an die Bergstraße.
In Seeheim-Jugenheim angekommen gelangt Traudl samt Fahrer anstandslos aufs Ausstellungsgelände. Nach Absprache mit dem Veranstalter dürfen wir uns sogar zu den Eicher-Traktoren gesellen: Ein roter Farbtupfer unter lauter blaugrauen Dieseltieren oberbayerischer Herkunft. Traudl darf sich neben einen wunderschönen grauen Massey-Ferguson mit kupferfarbenem Chassis platzieren. Ein Augenschmaus.
Nach und nach trudeln unsere Papas mit ihren Kindern bei Traudl ein. Marius und seine Mutter sind bei den ersten. Unser iranischer Papa Kami hat die beiden am Ostbahnhof Darmstadt aufgegabelt und mit ins Schuldorf gebracht. Ein kurzer Begrüßungskuss für den Papa und dann gilt alle Konzentration SEEEIIINER innigst geliebten Traudl. Als Zeichen seiner Verbundenheit befestigt er eine selbstbemalte Fahne am rechten hinteren Kotflügel. Das ist wahre Liebe ! Tränen der Rührung.
Die erste Tour gehört natürlich uns. Schnell noch ein Brot verdrückt und rauf auf die Kotflügel. Bestiegen wird heute von vorn, denn im Überrollbügel ist ein großes Banner angebracht, das auf unseren Verein aufmerksam machen soll. Das wurde auf die Schnelle noch gestrickt und in Nürnberg günstig gefertigt. Auf dem zweiten Notsitz nimmt Kamis Sohn Platz. Der war ja schon auf der Neutscher Höhe begeistert vom Traktorfahren.
Die Fahrt führt über den Gästezugang für die Traktoren hinaus zwischen den Feldern, mit herrlichem Blick auf die Hügel der Bergstraße. Die Sonne hat jedoch kein Gespür für uns. Traudl läuft tadellos, die Schaltung hält, die beiden Knaben schauen sich stolz lächelnd an. Auf diesen Tag hat Marius sooooooo lange hingefiebert…
Auf dem Rückweg begegnen wir unserem Mitglied Juri mit seiner Tochter und Enkeln. Zurück am Stellplatz werden wir ab jetzt von Kindern geradezu umlagert. Die haben spitzgekriegt, dass es Spazierfahrten mit dem roten Fahr geben soll. Von nun an sind Traudl und Papa Bernd im Dauereinsatz ! Für eine kleine Spende dürfen alle mitfahren.
Irgendwann braucht Papa Bernd eine Pause. Auch Traktorfahren macht hungrig. Marius und der Vereinsvorsitzende Ullipappa kommen mit an die Fressbude. Die wollen Kartoffelpuffer, Papa Bernd nimmt Paprikawurst. Schnell zurück zu Traudl, Kundschaft wartet. Neben unserem Schlepper wird ein kleiner Metallaufsteller platziert, auf dem ein Steckbrief mit den wichtigsten Daten von unserem Fahr-Schlepper angebracht wird. Ein Posteraufsteller mit Bildern von unserem Traktor soll zusätzlich auf uns aufmerksam machen.
Von nun ab müssen wir eine neue Route nehmen, da der Zugang für die Gästetraktoren geschlossen wird. Wir sind flexibel und mit zwei neuen Frischlingen auf den Kotflügeln geht’s jetzt durch den bewachten Händlereingang hinaus auf die voll geparkten Straßen und wieder retour, eine Tour nach der anderen.
Erneut mit Kindern on the road begegnet uns ein riesiger, gelber Kran, dem wir weichen müssen. Dieser wird unseren bisherigen Stellplatz einnehmen. Von der Tour zurück sollen wir unsere Traudl von nun an ein paar Meter neben den Kran an den kleinen Kinderspielplatz stellen. Papa Bernd schnappt sich den Filius, denn der knallgelbe Faun mit vier Achsen und einem Ausleger von maximal vierzig Metern (!), wie wir erfahren, soll einen kleinen Eicher-Traktor in den beständig grauen Himmel hieven: Gurte dran und hinauf mit den gut anderthalb Tonnen. Marius ist baff: “ Und wenn jetzt jemand sein’ Traktor vermisst ?“ “Ist nur Spaß“, beruhigt der Papa. Der Eicher schwebt bis zum Schluss am wolkenverhangenen Traktorenhimmel.
Schrauberpapa Klaus samt Sippschaft trifft ein. Töchterchen Lilly wartet ungeduldig auf dem Treckerkotflügel, dass es endlich losgehen möge. “Los jetzt“, befiehlt sie. Marius will bei dieser Fahrt mitkommen. Wir drehen unsere routinierte Runde runter vom Schulgelände auf die Zubringerstraße und wieder zurück. Lilly brebelt und lacht die ganze Fahrt vor sich hin, Marius beobachtet sie dabei und schmeißt sich weg vor Freude. Einige Kinder sind da eher stille Genießer, anderen sieht man den Spaß an der ganzen Gaudi förmlich an.
Auf unserem Platz angekommen müssen wir leider feststellen, dass die kleine liebevoll gebastelte Fahne von Marius vom Fahrtwind abgebrochen ist. Große Kindertränen, Mama und Papa müssen minutenlang Seelsorge leisten.
Donato, unser italienischer Papa aus Frankfurt, muss seinen Sohn bald wieder bei der Mutter abgeben. Mahmoud, Vater von zwei Töchtern, hat das gleiche Problem. Schnell sind somit die nächsten Fahrten festgelegt. Danach wird sich artig verabschiedet. Die darauf folgende Minitour mit Marius bringt uns bei der Ausfahrt vom Veranstaltungsgelände eine wundersame Bescherung: Die jungen Burschen, die den Händlereingang bewachen, winken uns mit der Fahne von Marius herbei: “ Bitteschön !“ Groooooße Zufriedenheit. Das Teil werden wir später reparieren.
Die Zeit zerrinnt nur so dahin, trotz der gemütlichen Reisegeschwindigkeit. Traktorfahren ist eben die Entdeckung der Langsamkeit in unsrer bisweilen krankhaft hektischen Welt. Aber der Riesenspaß dabei ist äußerst kurzweilig. Es bleibt dennoch Zeit, die vor Wochen geplante Überraschung für Marius in die Tat umzusetzen. Schnell hinein ins Flohmarktgewimmel und hin zum Stand der Oldtimer-Traktor-Zeitung, denn Papa Bernd will die Lieblingslektüre endlich abonnieren. Es gibt Preisnachlass von zehn Prozent und vor allem ein Abogeschenk, das natürlich für den Filius sein soll.
Wir warten sehnsüchtigst auf den Chefredakteur, der in jeder Ausgabe auf einem grünen Geräteträger auf Seite eins thront. Aber der gute Mann ist nebenan bei den Schlierbachtaler Traktorfreunden aus dem Odenwald zutiefst in Dieselgespräche verwickelt, sodass wir eine Weile auf unseren großen Moment ausharren müssen. Schließlich signalisiert ihm seine Kollegin am Stand, dass er uns persönlich bedienen soll.
Wir kommen ins Gespräch mit ihm und er macht uns Hoffnung, dass wir uns in einer der nächsten Ausgaben mit einem eigenen Beitrag über unseren Verein präsentieren können. Marius hat sich derweil den kleinen Rucksack mit Taschenlampe und Fernglas als Geschenk für sich ausgesucht und die allererste Ausgabe gibt’s obendrein. Strahlendes Kindergesicht.
Ein tiefes Brummeln von einem Lanz bahnt sich seinen Weg durch die Leute und direkt an uns vorbei, während wir uns allmählich auf die Heimreise machen müssen. Viel vom Teilemarkt haben wir nicht gesehen. Ulli wird Marius und seine Mutter mit zum nächsten Bahnhof mitnehmen, Papa Bernd wird unsere Traudl nach Hause kutschieren.
Nach ein paar finalen Ehrenrunden liefert Papa Bernd den Sohnemann auf dem Parkplatz an Ullis Wagen ab. Zwei Schmatzer gibt’s zum Abschied für den sichtbar müden Trattorista. Aber wir alle wissen: Nix gibt’s besseres als Traktorfahren !
Wie immer / Das Geschenk vom Herrn Vorschrank
Sonntagvormittag, strahlender Sonnenschein in Darmstadt, mehrere Tageszeitungen und Traktorlektüre einpacken, das Geschenk von Ulli für den Filius nicht vergessen ! Bus zum Hauptbahnhof, Aufenthalt dort gut zwanzig Minuten, Wochenendkäseblatt lesen.
Regionalbahn von Heidelberg nach Frankfurt am Main. Papa Bernd steigt im Heimatbahnhof Darmstadt ein, wie immer. Großer Andrang am Bahnsteig, wie meist. Schließlich hat der Darmstädter Hauptbahnhof die zweitgrößte Frequentierung Hessens hinter dem aus Frankfurt. Halbwegs pünktlich geht’s Richtung Norden, da wird der direkte Anschlusszug in Frankfurt erfahrungsgemäß kritisch. Lektüre raus, Heimatzeitungen im Schnelldurchgang, die eine Hälfte für den Hinweg, die andere später für den Heimweg.
Auf der Mainbrücke wartet der Zug, wie so oft, auf was auch immer. Das nervt, denn dadurch wird der Anschluss zum Mittelhessenexpress nach Dillenburg verpasst, wie fast jedesmal. Mittelhessen heißt richtigerweise Oberhessen, aber die Deutsche Bahn lässt ja auch alle Bindestriche bei den Ortsnamen auf ihren Schildern an den Bahnsteigen weg. Bei allem Rechtschreibewirrwarr, aber den Weltstädten Groß-Karben, Nieder-Wöllstadt oder Neu-Isenburg wird somit ihre ureigenste deutsche Schreibweise geraubt. Krankhafter Spartrieb oder globale Volksverblödung ? Es scheint sich jedenfalls niemand daran zu stören, wenn sein eigener Heimatort falsch geschrieben ist.
Also wieder mal einsteigen in den Regionalexpress nach Kassel am Gleis nebenan. Die entgangene Papa-Kind-Zeit sollte man der Bahn in Rechnung stellen, denn das ist jedesmal fast eine Stunde. Danke, Herr Mehdorn und Konsortium !
Eine halbe Stunde sinnloses Probesitzen im Obergeschoss des Doppelstockwagens wird versüßt durch die mitgebrachten Traktorzeitungen. Die haben schon Eselsohren vom vielen Abgreifen. Abermals Annoncen durchforsten, ob ja nichts übersehen wurde, denn es soll ja eines Tages ein eigener Trecker her. Es wird sich logischerweise links hingesetzt, da gibt’s die Möglichkeit vor Friedberg nach den alten Traktoren zu schauen. Desmool awwer uffbasse !
Der Himmel zieht sich etwa ab Frankfurter Berg zu, hoffentlich bleibt es trocken. Papa Bernd klappert nach und nach alle Stationen ab, an denen vorbeigerauscht wird und wartet aufgeregt auf die ersehnten Traktoren nahe der Gleise. Mist, da müsste der erste gewesen sein, der total Vermooste zwischen den Bäumen. Ist der wohl weggeräumt worden ? Jetzt sollen die anderen Schmuckstücke aber nicht verpasst werden. Auf keinen Fall !
Ein ganzes Stück weiter: Da, markanter grauer Kühlergrill, rote Haube! Der Bub hat recht: Massey Ferguson, definitiv ! Schnell nachgeschaut im Traktor-Oldtimer-Katalog, der ständig im Rucksack dabei ist: Ein MF FE 35 ?! Satte 37 PS, Drei- oder Vierzylinderdiesel, gut zweitausendzweihundertfünfzig Kubik, wohl über zweihunderttausendmal gebaut, also ein sehr geläufiges Teil.
Friedberg, umsteigen ins Bimmelbähnchen Richtung Gießen auf Gleis eins. Der Traktor geht nicht mehr aus dem Kopf. Butzbach, schnell zum Kleinen. Der wartet schon sichtlich nervös an der Wohnungstür: “Ahhh, endlich, ich bin ganz aufgeregt, haste den Zug wieder verpasst ?“
“Wie immer“, muss der Vater bestätigen. “Aber dafür habe ich Dir was mitgebracht !“ Ullis Geschenk wird aus dem Karton genommen: Eine Kinderbohrmaschine mit Batteriebetrieb ! “Heeh, danke !“ Stolzes Knabengesicht. “Die ist vom Herrn Vorschrank“, erklärt Papa Bernd. Marius schmunzelt bübisch, denn er hatte bei der ersten Begegnung mit unserem Vereinsvorsitzenden Ulli statt Vorstand Vorschrank verstanden. “Du alter Pfiffikus.“ So nennt der stolze Papa oft seinen Sohnemann. Die Bohrmaschine gibt er fortan nicht mehr aus der Hand.
“Du hattest absolut recht: Der eine ist ein Massey Ferguson ! Jetzt bin ich mir auch sicher, die Haube muss von einem Massey sein. Ich kann ihn dir im MAN-Buch zeigen.“ So nennt Marius den Katalog, weil auf dem vorne ein toller Traktor von MAN zu sehen ist. “Da, guck, das könnte das gleiche Modell sein, dass in Seeheim neben unserer Traudl stand“, mutmaßt der Vater. “Aber der ist doch nur grau“, entgegnet der Sohn. “Schau, hier steht, dass der von 1956 bis 1960 gebaut wurde und ab November ’57 in Grau-Rot. Das könnte er sein !“ “Was machen wir nur“, fragt der Kleine neugierig. “Rauskriegen wem der gehört und ganz einfach fragen, ob wir einen oder alle haben können“, hofft der Vater. “Mann, Papa, das wär’ was, oder ?!“
Nach dem Mittagessen will Marius auf dem kleinen Keyboard klimpern. “Erst nach der Mittagsruhe“, bestimmt die Mutter. “Dann gehen wir kuscheln, Papa!“ Rein ins Bett und Geschichten erzählen. “Wo wollen wir heute hinfahren, mein Bub ?“ Gemeint ist die Bettlok, die kurzfristig hergestellt wird. “In die Schweiz, Papa, da liegt doch Gottmadingen auf dem Weg, oder ?“ Heute nehmen wir eine Diesellok. “V 36, Papa !“ “Neeh, die is’ zu langsam, da bräuchten wir ewig, Marius. V 200 !“
Der Knabe braucht bald Abwechslung. “Ist denn jetzt endlich die Mittagsruhe um“, fragt er genervt. Es ist nach drei, also schnell rüber zum Keyboard. Es wird wüst auf der Tastatur gehackt und dazu das Rhythmusgerät aufgeleiert, laut und in vollem Tempo. “Papa, klingt wie Lanz“, behauptet der kleine Fachmann. Die Mama schimpft, die hat’s eh an den Ohren. “Das ist Free-Jazzmetal“, empfindet Musikus Papa Bernd, während Marius total herumflippt.
“Wollen wir heute raus, die Sonne zeigt sich wieder“, fragt die Mutter. Heute soll es dann doch endlich mal auf den Spielplatz gehen, denn die Mutter hat kein Laptop dabei. Also nix mit Fahr, John Deere oder Kornmähen und raus auf den Spielplatz. Der Bub stimmt zu, die Bohrmaschine vom Herrn Vorschrank muss mit.
Dort angekommen treffen wir gleich den kleinen türkischen Jungen, der überhaupt keine Ahnung von Traktoren hat. Der hat heute auch ein neues Spiel bekommen. Wir spielen die erste Runde mit. Aber Marius will doch lieber mit seiner Bohrmaschine rumhantieren, denn die knattert. “Wie ein Traktor, Papa, vielleicht kann ich damit ja die Traudl reparieren ?“
Zurück zum Abendessen gibt’s nur eins: Traktorzeitung lesen! Beim Dieselgespräch, mit der Bohrmaschine in der Hand, fällt dem Steppke ein, dass er gerne mal mit dem Papa angeln gehen würde. “Eeecht ? Das ist ja toll, denn dein Opa (väterlicherseits) war ein groooßer Angler. Da sind Teiche, die sind gar nicht so weit weg von Papas Wohnung. Da können wir gerne hinfahren, Marius, mit der Traudl !“ Und dann kommt’s wieder, das staccatomäßige Ja ! Ja ! Ja !
Wirbelsturm im Museum
Museumsbesuch in Frankfurt ist angesagt. Frankfurts Museumsufer am Main bietet vielfältige Gelegenheiten für jedes Alter. Speziell für Kinder geeignet ist das Kommunikationsmuseum der Post. Nicht nur die beeindruckende Hülle von Baumeister Behnisch (der hat die grandiosen Olympiabauten für die Spiele 1972 in München in Zusammenarbeit mit Frei Otto entworfen und umgesetzt), sondern auch das museale Angebot für Jung und Alt im Innern versprechen einen netten Tag. Und dazu strahlender Sonnenschein.
Papa Bernd bereitet aktuell einen kurzen Film mit unserem deutsch-italienischen Mitglied Donato vor, der in Bälde die Homepage dieser Website zieren soll. Im Zuge dessen haben die zwei Papas einen gemeinsamen Tag ausgeheckt, damit sich die beiden Buben kennenlernen sollen. Erst Museum, später zusammen im Hinterhof grillen.
Frankfurt Hauptbahnhof. “Überraschung“, flüstert Papa Bernd seinem Filius ins Ohr. Der begrüßt ihn verdutzt mit einem Küsschen: “Wo geht’s hin, Papa ?“ “Schnell runter in die S-Bahn zum Südbahnhof nach Sachsenhausen.“ “Wollt ihr wieder einen Männertag machen“, fragt Marius’ Mutter. Nein, die Mama kommt mit.
Wenige Minuten später wird in direkter Nähe zum Bahnhof Frankfurt Süd an einem der Gründerhäuser geklingelt. Lautes Gebelle ertönt aus der Sprechanlage inklusive einem schwer verständlichen “kommt hoch“. “Donato“, stellt sich der durchaus südländisch aussehende Mann Marius vor. “Tornado“, fragt Papa Bernds Sohnemann witzelnd. Und nach dieser herzlichen Begrüßung soll’s auch schnellstens losgehen. Die beiden Pimpfe verstehen sich schnell und toben heftig auf einem großen Lederkissen. “Jungs, es geht ins Museum und danach wird gegrillt, o. k.“, legt Papa Donato einstimmig fest. Ein überzeugtes "Ja" und ab geht’s um die Ecke zum Museumsufer.
Imposanter Bau, kleine Eintrittspreise, wenig Besucher, es ist Freitagmittag. “Wir fangen unten an“, bestimmt Donato. “Hier sind wir ja genau richtig“, erwidert Papa Bernd zuversichtlich. Postfahrzeuge aus längst vergangenen Tagen, von der Postkutsche, über Fahrräder bis zum quer aufgeschnittenen Eisenbahn-Postwaggon mit allen Innereien. “Guckt euch den an: DKW Schnelllaster, Wahnsinn.“ “VW Käfer mit geteiltem Heckfenster“, schreit’s nebenan. Wir wollen gar nicht mehr weg und die Jungs wollen viel, viel wissen. “Papa, guck dir den Antrieb an“, wundert sich Marius über eine alte Kutsche mit Motor, großem Zahnrad und dicker Antriebskette.
Nebenan sollen Tattoos für Kinder gemacht werden, aber im Obergeschoss wird Basteln angeboten. Da lässt sich Marius nicht zweimal bitten ! Marius’ Mutter will mit den zwei Buben basteln, eine Stunde lang, kleiner Obolus fürs Material exklusive. Die beiden Papas gehen was trinken auf die hölzerne Terrasse im Freien. Da kann in Ruhe gebabbelt werden.
Die Zeit vergeht rasend schnell und die Knaben kommen und präsentieren ihre Kreationen. Und was wurde da gebaut: TRAKTOREN ! “Ist ja der Hammer“, staunt Papa Bernd nicht schlecht, “sieht wirklich aus wie ein Traktor.“ “Ist ein IHC, Papa, der ist noch nicht ganz fertig, da müssen wir zu Hause weiterbauen.“ Die Buben haben Schrottteile von Computern, Telephonen, Platinen, CDs usw. aneinandergeklebt und zusammengesteckt. Donatos Sohnemann ist ein ganzes Stück jünger als Marius und streckt Papa Bernd sein Objekt zur Begutachtung entgegen: “Auch ein Traktor“, murmelt er vorsichtig. “Der sieht aus wie ’n Rasenmäher“‚ zweifelt Marius. Ein keilförmiges Etwas mit vielen kleinen Einzelteilen und einer waagerecht darunter geklebten CD deutet tatsächlich eher auf ein Mähfahrzeug hin. “Damit kann ich alles kaputtsägen“, erklärt der Kleine. “Er ist auf dem Zerstörungstrip“, erklärt sein Vater.
Der Museumsbesuch war ein voller Erfolg, aber der Hunger treibt uns zum nächstgelegenen Supermarkt zwecks der Grillutensilien. In Papa Donatos Hinterhof wird dann schnell der Elektrogrill angeschmissen. Marius und seine Mutter müssen bald zum Südbahnhof zur Fahrt über den Hauptbahnhof zurück in die Wetterau. Deren Bratwürste und Steaks gelingen, die von Donato danach gleichen Kohlebriketts. So ein Tag wie dieser soll wiederholt werden beschließen alle. “War schön“, wird Marius’ Mutter später sagen. Und die beiden Supertrecker schreien nach einer Veröffentlichung…
Diesel, ein Schaf im Stimmbruch, Malzbier und die Fahrstunde
Das Getriebeproblem mit unserer Traudl hatten wir zu früh abgehakt. Bei einigen Kurzfahrten mit dem Traktor haben wir einen seltsamen Qualm mit Gestank wie schmelzendes Gummi an der Hinterachse festgestellt. Und Öl hat’s auch noch am linken Achsende rausgedrückt. Nicht schon wieder ein Schaden ! Nach Rücksprache mit den Fahr-Schlepperfreunden und verschiedenen Mutmaßungen haben wir letztlich die Ratschläge eines Tankstellenbesitzers in die Tat umgesetzt und anderthalb Liter Getriebeöl abgelassen. Da hatten wir lediglich die Füllmengenangabe der Betriebsanleitung befolgt und neun Liter Spezialöl ins Getriebe gefüllt, aber das war wohl zuviel. Bei der Gelegenheit wurde die Abdeckung fürs Zylindergebläse festgemacht, so dass der Motor nun eine bessere Kühlung erfährt.
Geschafft. Pünktlich zum Oldtimertreffen ist alles soweit in Ordnung, das Qualmen und Tröpfeln legt sich nach und nach, wie es der nette Ratgeber von der Tankstation vorhergesagt hatte und die Temperaturanzeige ist stets im grünen Bereich. Papa Bernd fühlt sich seither wie ein Nachwuchsschrauber.
Sonntagvormittag, Essen vorbereiten für den Mittag und dann gleich los zu Traudl, die braucht noch eine kleine Wäsche, sie ist voll mit Saharasand. Danach aber flott zum Darmstädter Ostbahnhof, um 11.45 Uhr kommen Marius und seine Mutter mit der Odenwaldbahn. Punkt 11.47 Uhr rollt Traudl mit Papa Bernd vorm just geschlossenen Bahnübergang zur Bushaltestelle am Bahnhofsgebäude. Soeben fährt der kleine Zug ein und in ein paar Augenblicken läuft ein kleiner Wicht mit seiner Mama vom schnuckeligen Bahnhofsgebäude herüber direkt auf den Trecker zu. Große Augen und ein breites Lächeln im Kindergesicht.
“Willste mit auf der Traudl fahrn oder mit der Mama per Bus zum Papa, wir wollen erst mal was essen“, fragt der sichtlich stolze Papa, dass schließlich alles noch geklappt hat. Im Handumdrehen sitzt der Pimpf auf dem rechten Kotflügel ohne einen Kommentar. “Wir müssen tanken, willst du mir helfen ?“ “Das hab’ ich noch nie gemacht, Papa. Aber du musst bezahlen.“ Traudl starten, wenden und lostuckern Richtung Innenstadt. “Kannst du heute ein bisschen langsamer fahren, Papa ?“ “Die Traudl fährt doch nur zwanzig, Marius !“ Es ist wohl eher das heftige Durchgerütteltwerden auf dem Beifahrersitz denn die Geschwindigkeit.
Tanksäule Nummer eins will nicht, also rüber zur Zwei. “Papa, mach du, ich pass’ auf den Schlüssel auf.“ Da ist der kleine Mann äußerst vorsichtig. “Ist Diesel immer gelb“, fragt er neugierig. “Nee, der Sprit wird von jedem Ölkonzern speziell eingefärbt.“ Tank voll, bezahlen und ab Richtung Papas Zuhause. Dort angekommen biegt gerade der Linienbus mit Marius’ Mutter ein. Schnell rein und Mittagessen fertigmachen, Traktorschrauber Horst mit Freundin wollen auch kommen. Papa und Mama kümmern sich um den Mittagsschmaus, der kleine Trattorista muss sich unbedingt noch ein Traktorvideo reinziehen. “Die beliebtesten Trecker, Papa !“ Die besagte Cassette liegt schon längst parat. Der Kultfilm zeigt die vierzig beliebtesten Traktoren Norddeutschlands. “Ab Platz vierzig oder Platz zehn“, fragt der Vater. “Die ersten zehn, Papa.“ “Wir wollen bald essen, danach geht’s los !“
An der Wohnungstür klingelt’s, die Essensgäste kommen. Kurze Begrüßung und ran an den Speck. Putenkeule und Hackbraten sind gar, schnell die Nudeln kochen und Salat fertigmachen. “Papa, schnell, Platz drei, Hanomag !“ Darauf hat Papa Bernd gewartet, denn er hat seinem Filius von einem seltsam klingenden Traktor erzählt. Die Hannoversche Maschinenbau AG, so der volle Name, hat ihren kleinsten Trecker Mitte der Fünfzigerjahre mit einem 1-Zylinder-2-Takt-Motor ausgestattet, der bei Vollgas so heftig vor sich hinquiekt, so dass der Volksmund ihn “Ackermoped“ taufte ! Traktorschrauber Horst, der sonst an Motorrädern bastelt, kommt total interessiert mit. Grölendes Gelächter macht die Runde, denn der Minischlepper mit zwölf PS und nur rund 500 Kubikzentimeter klingt wie ein Schaf im Stimmbruch. “Papa, so einen bräuchten wir !“ “Wenn wir noch mehr sparen, dann wartet im Odenwald einer auf uns, Marius.“ “Mann, Papa !?“
Alle sind schließlich pappsatt, keiner hat sich beschwert, auf nach Pfungstadt zum Oldtimertreffen. Marius und seine Mutter werden per Regionalbahn dort hinfahren. An der Haltestelle Eberstadt wird Papa Bernd seinen Sohnemann mit Traudl mitnehmen, die Mutter fährt wegen der empfindlichen Ohren mit dem Bus zwei Haltestellen weiter zum Brauereigelände auf dem die Fahrzeuge von ihrer Tour so gegen 16 Uhr zurückerwartet werden. Horst und Freundin warten bereits mit dem Motorrad an der ausgemachten Haltestelle.
Papa Bernd und sein Filius besteigen den Trecker von vorne, denn hinten spannt zwischen dem Überrollbügel das Werbebanner vom Verein. Schlüssel rein, Starter drücken, runter vom Bürgersteig und los geht’s Richtung Pfungstädter Brauerei. Schrauber Horst und Freundin fahren hinter uns, Marius’ Mutter wartet auf den ankommenden Linienbus. Traudl klingt wie immer überwältigend, die beiden Zylinder tackern ordentlich vor sich hin, vierten Gang rein, denn die ersten drei sind fürn Acker. Ordentlicher Zug, ab in den fünften Gang. “Das Tröpfeln und Qualmen wird immer weniger, Marius. Ich denke, dass die Traudl wieder in der Reihe ist.“ “Da haben wir Glück, Papa“, ist sich auch der Kleine sicher.
Mit unseren zwanzig Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit sind wir so manchem Verkehrsteilnehmer ein Dorn im Auge: Von links überholt uns ein Auto, von rechts rast gleichzeitig ein Motorrad an uns vorbei ! Papa Bernd zollt dem Fahrer kopfschüttelnd und hupend Respekt, Schrauber Horst kann’s auch nicht fassen. “Darf der das, Papa“, fragt Marius erstaunt. “Nee, mein Bub, der tickt net richtig.“
Wir rollen aufs Brauereigelände, die erstaunten Blicke sind uns sicher, denn die wenigen neugierigen Zuschauer haben wohl eher PKW-Oldtimer erwartet. Die dortigen Streckenposten weisen uns freundlich auf den großen Parkplatz, welcher in Reih’ und Glied die später ankommenden Fahrzeuge in nummerierter Folge aufnehmen soll. Wir parken unsere Traudl seitlich hinter einem Berg von Bierkisten. Schrauber Horst stellt seine Honda unweit unseres Traktors ab.
Erstmal einen kleinen Rundgang machen. Am Eingang stehen die ersten Oldtimer-Autos: Ein NSU 1200 und ein kleiner Fiat, denkt Papa Bernd. “Ah, mein Bub, guck, so einen hat auch der Herr Rigling, der geht gut ab, der ist leicht. Und der da ist gar kein Fiat, das ist auch ein NSU, das muss der Vorläufer gewesen sein, den kannte ich gar nicht. Die haben ihre Motoren hinten, hier schau rein, die Klappen sind offen. Da sitzt der Ansaugstutzen, das ist anders als bei Traktoren.“ “Da könnten wir ja mit dem NSU vom Herrn Rigling mitfahren, wenn wir in Gottmadingen sind, Papa“, erhofft sich Marius, denn der ist nicht nur Traktorverrückter, sondern auch mal Rennfahrer gewesen.
Marius’ Mutter kommt und gesellt sich zu Horst und dessen Freundin seitlich hinter einen blau-weißen Ford. “Capri, 2,6 Liter, V-6-Motor, Marius !“ “Boa, hat der dicke Reifen, Papa !“ In Sichtweite stehen zwei Buden mit Essen und Trinken. “Malzbier, Marius ? Die werden ja sicherlich welches haben !“ “Ist doch ’ne Brauerei, Papa.“ Von wegen, die Verkäuferin schüttelt unmissverständlich den Kopf auf unsere Frage nach Kinderbier. “Was seid ihr denn für eine Brauerei, die kein Malzbier hat“, entrüstet sich Papa Bernd, “aber kistenweise modisches Bierbrausemixzeugs anbieten. Komm’, Bub, wir holen uns draußen an der Tanke Malzbier. Da können wir auch noch eine Runde mit der Traudl fahren, oder ?“ “Ja, Papa !“
Gesagt, getan, wir müssen uns beeilen, denn bald werden die ersten Fahrzeuge von ihrer Tour zurückerwartet, gibt uns ein Ordner mit auf den Weg. Die inzwischen etwas mehr gewordenen Zuschauer, die im Zieleinlauf stehend oder auf Bierbänken sitzend warten, schauen unserer Abfahrt teils erfreut, teils befremdlich hinterher. Wir biegen nach rechts auf die Hauptstraße ein und tuckern Richtung Tankstelle. “Ich pass’ auf die Traudl auf, Papa !“ Papa Bernd kommt jedoch ohne das ersehnte Getränk zurück: “Wo sind wir hier“, flucht er, da vorne ist noch eine, letzte Chance.“
Die Rettung naht, unfassbar, die haben Malzbier ! “Wir teilen uns eine, mein Bub, denn der Rucksack ist bei deiner Mama, wir haben keinen Platz für mehr. Die Flasche leg’ ich hinter mich auf den Traktorsitz.“ Dann geht’s flugs zurück aufs Festgelände, womöglich denken die Leute, wir seien die Gewinner, die da als erste einfahren !
Zurück auf dem großen Parkplatz rollt dann auch fast im Minutentakt ein Oldtimer nach dem anderen durch die Zieleinfahrt. Die Teilnehmer erhalten ein Gläschen Sekt, Wasser oder Bier. Der kleine Technikfreak zerrt seinen Papa Richtung Zieldurchfahrt um in der dahinterliegenden Halle die abgestellten Wagen zu begutachten. Diese füllt sich so rasch, dass man gar nicht aus dem Staunen herauskommt. Viele italienische Wagen wie Fiat, Alfa Romeo, Ferrari und noch mehr britische Sportwagen wie MG, Triumph, Austin, Jaguar E-Type, quer durchs KFZ-Alphabet, man könnte wahnsinnig werden.
“Achtung, Marius, Renault Alpine A 110 in metallicblau, Mann ist der klasse. Und da hinten, hör’ mal gut hin.“ Papa, der klingt !“ Es handelt sich um einen BMW 600, im Volksmund “Rennsemmel“ genannt, eine vergrößerte Ausgabe einer Isetta. Aussehen tut das Teil tatsächlich wie ein kleines blechernes Brötchen, klingt auf Grund seines Motorrad-Boxermotors schön tief und satt. “Guck mal wo der Fahrer jetzt aussteigt“, will Papa Bernd seinen Sohn überraschen. “Papa, der steigt ja vorne aus, das ist lustig. Aber daneben, Papa, der Jeep !“ Marius schiebt seinen Vater zu einem fein herausgeputzten amerikanischen Militärfahrzeug mit einer langen Funkantenne, die von hinten nach vorne über die Motorhaube gebogen ist. Der Pimpf ist total begeistert und begutachtet alle Details, die für ihn von Interesse sind. “Für was braucht der die Hacke und den Spaten, Papa ?“ “Na ja, wenn der zum Beispiel beim Manöver durchs Gelände fährt und stecken bleibt, kann er sich damit freischaufeln.“ “Und mit dem Beil kann er vielleicht Äste weghauen, wenn sie im Weg sind, oder, Papa“, vermutet der kleine Technikus richtig.
“Hunger, Papa !“ Also schnell rüber zur Wurstbude: “Rindswurst mit Senf, nur Amerikaner machen Ketchup drauf, gell“, behauptet der Kleine. Papa Bernd nickt, im Handumdrehen ist das Teil verdrückt. Schrauber Horst und Freundin kommen herbei und verabschieden sich. Auch für uns ist bald Schluss, denn kurz vor halb sieben wartet der Zug am Eberstädter Bahnhof aus Heidelberg kommend auf Marius und seine Mutter.
Rüber zu Traudl, und mit lautem Getucker geht’s durch die Menge, vorbei an den letzten ins Ziel fahrenden Oldtimer, runter vom Brauereigelände, raus auf die Hauptstraße. Dort greifen wir Marius’ Mutter ab, die ein wenig spazieren gegangen war, und fahren um die Ecke zur Bushaltestelle. Die Mutter schaut nach den Abfahrtszeiten, während Papa Bernd seinen Sohnemann fragt: “Willste deine erste Fahrstunde auf der Traudl machen ?“ Der Pimpf guckt verdutzt: “Wirklich, Papa ?“ “Wir haben hier genug Platz. Wir beginnen ganz einfach: Ich kupple, schalte und gebe Gas, du brauchst nur lenken, in Ordnung ?“ Marius überlegt nicht lange, auf diesen Augenblick wartet der Nachwuchstrattorista schon eine ganze Weile. Freudestrahlend wird am Lenkrad gekurbelt was das Zeug hält. Seine Mutter macht ein Photo vom Spektakel während er in diesem Moment wohl das glücklichste Kind der Welt ist.
Marius’ Mutter hat sich verguckt bei den Abfahrtszeiten, also heißt’s schnell rauf auf die Traudl und ab zum Bahnhof. Das müssen ihre empfindlichen Ohren jetzt ausnahmsweise aushalten. Mit einem strahlenden Kindergesicht streckt Marius seinem Papa die feuchten Hände entgegen, wie beim allerersten Mal…